Bombenopfer und seine Rückkehr ins Leben

Frei erzählt nach "Theo Kelz - Bombenopfer" von S. Lattacher

Wie aus heiterem Himmel
Zufall oder Schicksal?

Das Leben steckt voller Gefahren. Dem einen fällt der Ziegelstein auf den Kopf, der andere fährt mit dem Auto gegen einen Baum. Anderen passiert das ganze Leben lang nichts. Ich zum Beispiel fuhr mit dem Motorrad 15.000 Kilometer bis Peking, und es passierte mir nichts. Ich kam nach Hause, ging in den Dienst und verlor beide Hände. Wieso kommen viele Menschen unbehelligt durchs Leben und wieso erwischt andere der Ziegelstein? Ist es Schicksal, wenn einem der Ziegelstein auf den Kopf fällt, oder bloß Zufall? Beim Ziegelstein ist die Antwort leicht: Er fällt einem zu. Für einige Menschen gibt es keinen Unterschied zwischen Zufall und Schicksal; für andere sehr wohl. Das können wir hier nicht klären. Es gibt jedenfalls Ereignisse im Leben, die wir nicht beeinflussen können.

Wenn jemand zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort ist und eine bestimmte Handlung setzt, so ist das nichts Außergewöhnliches; es sei denn, er hätte nicht zu der Zeit an dem Ort sein sollen. Ich kehrte früher von meiner Chinareise zurück und trat meinen Dienst in der Polizeidirektion Klagenfurt eher an, als ursprünglich geplant. Meine Kollegen Hermann Knaller und Günther Petritsch hätten an jenem Abend auch nicht Dienst gehabt; sie sind für Kollegen aus der diensthabenden Gruppe eingesprungen.

Nun passierte das Unerwartete: Wir drei Polizisten wurden bei der Detonation des Zünders einer Sprengbombe am Klagenfurter Flughafen schwer verletzt. Nach Absicht des Bombenbauers hätte die Bombe erst am nächsten Tag am Fundort, bei der Renner-Volksschule, detonieren sollen. Dort hätte sie vermutlich mehr Schaden angerichtet und viele Menschen getötet. Ist durch das Eingreifen der Polizisten eine viel größere Katastrophe verhindert worden? Hätten andere Beamte anders gehandelt?

Kurz nach meiner Rückkehr aus China machte ich mit meinem Bruder, Meinhardt Kelz, mit dem Motorrad einen Ausflug auf die Turrach, in den Kärntner Nockbergen. Bei einer Tasse Kaffee erzählte ich von meiner weiten Reise. Mein Bruder Meinhardt wäre gerne nach China mitgefahren, aber als Zimmermeister hatte er im Sommer zuviel zu tun. Wir Brüder reisten früher viel gemeinsam, wir waren mit den Motorrädern in der Wüste Sahara und frischten auf der Turrach alte Reiseerlebnisse auf. Gerne wären wir noch geblieben, doch ich musste in den Nachtdienst.

Gegen 18.15 Uhr verabschiedete ich mich von meiner Familie und fuhr nach Klagenfurt. Es war mein erster Nachtdienst nach langer Zeit. Wenn meine Tochter Andrea in Peking nicht krank geworden wäre, wären wir jetzt irgendwo in der Mongolei und nicht in Kärnten. Ich erinnere mich, an diesem Abend eine »superTruppe« von Kollegen gehabt zu haben. Sie wollten von der Reise hören und ich erzählte von einem Überfall von Tschetschenen und wie tapfer sich meine Tochter Andrea verteidigt hatte. Die Nacht war ruhig. Es gab vorerst nicht viel zu tun.

Nachts, wenn alles schläft ...

Ein Mitsubishi Lancer parkte gegen 23.00 Uhr in der Lastenstraße in Klagenfurt, in der Nähe der deutsch-slowenischen Renner-Volksschule. Ein Mann stieg aus dem Auto, ging mit einer weißen Sporttasche in der Hand zur Renner-Schule und verstaute etwas in der Nähe des Einganges. Zwei junge Klagenfurter schauten ihm vom Balkon ihrer Wohnung aus zu. Kurze Zeit später fuhr der Mann ohne Licht weg. Das kam ihnen verdächtig vor. Sie riefen die Polizei an.

Die Polizisten fanden neben dem Eingang der Rennner-Schule ein Plastikrohr, das auf beiden Seiten zugemacht war. "Vielleicht ist Rauschgift drin?", sagte der eine. Plötzlich fiel ihm das Rohr aus der Hand. Als er es aufhob, sah er einen Nagel im Rohr stecken. "Bist deppert, das ist eine Bombe", sagte er dann. "Da muss der Theo her", rief sein Kollege Sie funkten die Einsatzleitstelle an. Ich, der sprengstoffsachkundige Polizist, wurde verständigt. Ich fuhr mit meinem Kollegen Hermann Knaller zur Renner-Schule.

Rauschgift oder Plutonium?

"Mir ist das Rohr runtergefallen", sagte der Streifenpolizist zu mir. "Schau, da steckt ein Nagel", und zeigte ihn mir. Ich dachte, dass es vielleicht eine Bombe sein könnte; oder dass darin Rauschgift oder gar Plutonium versteckt wäre. "Das müssen wir genauer anschauen", sagte ich und meldete der Einsatzleitstelle, dass wir zum Flughafen fahren, um das Rohr dort in der Röntgenanlage zu durchleuchten. Auf dem Weg zum Flughafen nahmen wir unseren Kollegen Günther Petritsch auf, der sich bei der Röntgenanlage am Flughafen gut auskannte.

Bombenüberraschung

Die Abfertigungshalle im Flughafen war geschlossen. Während Petritsch den Schlüssel holte, versuchte ich das Rohr zu zerlegen. Es gelang mir, eine Seite zu öffnen und eine dunkle, mehrere Kilo schwere Masse aus dem Rohr zu entfernen. Ich zündete kleine Mengen der dunklen Substanz an. Keine Reaktion. Ich schlug mit dem Hammer drauf. Keine Reaktion. Inzwischen kam Petritsch mit dem Schlüssel und schloss die Tür zur Abfertigungshalle auf.

Ich trug das Rohr an einer Schnur befestigt zur Röntgenanlage und legte es auf das Förderband. Petritsch setzte das Förderband in Bewegung. Langsam glitt das Rohr unter dem Röntgenschirm durch. Ich konnte nichts Genaues feststellen und wollte es noch einmal durchleuchten, aber in anderer Position. Petritsch setzte das Förderband erneut in Bewegung. Es war zirka 3.00 Uhr morgens.

Plötzlich ein lauter Knall, Rauch, Dunkelheit. Ich wurde durch die Druckwelle und gewaltige Explosionsflamme an die Mauer geschleudert und kam mit dem Gesicht am Boden zu liegen. Um mich herum war plötzlich alles finster und ich konnte nichts mehr sehen. Noch während dieser gewaltigen Explosion und noch während des Fallens realisierte ich: Um Gottes Willen, was ist mit mir, ich habe keine Hände mehr und kann nichts mehr sehen.

Günther Petritsch wurde durch Knochensplitter meiner abgesprengten Händen schwer verletzt. Hermann Knaller, der leichter verletzt wurde, verständigte sofort die Rettung und die Kollegen. Obwohl die Situation für Knaller sehr schlimm gewesen sein muss - rundherum war alles blutverschmiert und mit Fleischfetzen bedeckt - hat er vorbildlich reagiert.

Das Leben geht weiter

Ich war noch bei Bewusstsein, als ich hörte: "Das sieht schlimm aus, hoffentlich kommt er durch." Noch am Boden liegend dachte ich: "Ich bin am Leben, was auch passiert ist, es geht weiter." Keine Sekunde habe ich ans Aufgeben gedacht. Wie bei meinen abenteuerlichen Reisen in ferne Länder, fühlte ich mich in diesem schrecklichen Augenblick von einer höheren Macht geschützt. Ich spürte den Tod, aber das Leben war stärker. Es gab Stimmen, die wegen der Schwere meiner Verletzungen sagten: "Er wäre besser gestorben, denn ein Weiterleben ohne Hände hätte keinen Sinn."

Während die Ärzte des LKH Klagenfurt um mein Leben kämpften, lief bereits eine Großfahndung nach dem Täter oder den Tätern in ganz Osterreich. Es gab keine konkreten Anhaltspunkte. Die Ziele dieses Anschlages waren nicht ersichtlich. Die Polizei vermutete zunächst Auseinandersetzungen im Rotlichtmilieu oder innerhalb der Russenmafia.

Schlechte Nachricht

Meine Frau Roswitha und meine Tochter Andrea Kelz wurden in den frühen Morgenstunden des 24. August 1994 durch das Läuten der Türglocke aus dem Schlaf gerissen. "Guten Morgen Frau Kelz", sagten zwei Gendarmeriebeamte, die vor der Tür standen. "Wir bringen eine schlechte Nachricht." "Was ist passiert?", fragte Roswitha. "Ihr Mann ist heute Nacht auf dem Klagenfurter Flughafen bei einer Explosion schwer verletzt worden. Er liegt im LKH Klagenfurt. Mehr wissen wir zur Zeit nicht."

Roswitha und Andrea hatten kurz vor Mitternacht noch mit mir telefoniert; sie konnten nicht begreifen, dass sich so etwas Schreckliches abgespielt hat. Ein Anruf in meiner Dienststelle brachte traurige Gewissheit. Der diensthabende Polizeibeamte erklärte ihnen die näheren Umstände, die zu dem Unglück geführt hatten, und sagte ihnen auch, wie schwer ich verletzt worden war.

Roswitha griff wie in Trance zum Telefonhörer und rief meine Eltern an. Meine Mutter Johanna hob den Hörer ab. Sie wurde immer bleicher. "Was ist?", fragte mein Vater Andreas. "Theo ist schwer verletzt - eine Bombe ist explodiert - er liegt im Krankenhaus, und es sieht schlimm aus", sagte sie weinend.

Während mein Vater die anderen Familienmitglieder von dem schlimmen Vorfall verständigte, ging meine Mutter auf den Kogel (Kögele genannt), neben unserem Haus. Sie weinte still vor sich hin und betete: "Bitte Herr, lass Theo diesen Unfall überleben, wir werden alles tun Herr, bitte." Noch lange stand sie auf dem Kogel und schaute zum Himmel hinauf, als wollte sie ihm sagen: "Nicht schon wieder Herr, warum werden wir so vom Unglück verfolgt?"

Vor Jahren verunglückte mein Bruder Gebhardt auf tragische Weise. Der Feuerwehrmann war mit seinem Auto zu einem Einsatz unterwegs und fuhr mit dem Löschwagen zusammen. Er verstarb noch an der Unfallstelle. Ebenso tragisch verunglückten meine jüngste Schwester und mein gleichaltriger Neffe. Sie rannten ihrem Hund auf einem zugefrorenen Teich nach. Das Eis brach und die Kinder ertranken.

Aufgegeben wird ein Brief!

Die Familie fuhr zu meiner Frau und Tochter und leistete ihnen Beistand. Ich war nach dem Unglück völlig hilflos. Ich lag in meinem Bett im Krankenhaus und musste gefüttert und gewaschen werden. Auch sonstige menschliche Bedürfnisse konnte ich ohne fremde Hilfe nicht bewältigen. Die Ärzte verabreichten mir Schmerz- und Beruhigungsmittel, damit die Situation einigermaßen erträglich war. Von den ersten Besuchern in der Intensivstation bekam ich nichts mit.

Meine Tochter Andrea besuchte mich drei Tage nach dem Unglück in der Augenklinik im LKH Klagenfurt. Ich konnte sie nur schemenhaft wahrnehmen. Mein Gesicht war durch die Verbrennungen entstellt. Sie klopfte mir auf die Schulter und sagte: "Ich bin‘s, Andrea, und das eine sag ich dir gleich, aufgeben tut man nur einen Brief!."

Das waren die Worte, mit denen ich meine Tochter immer wieder aufbaute, wenn sie Hilfe brauchte. Nun schlug sie mich mit "meinen Waffen". Ich schöpfte neuen Lebensmut in dieser bedrückenden Phase. Ich entwickelte positive Energie, die durch äußeren Zuspruch, durch Trost und durch Ermunterungen meiner Familie, meiner Bekannten und der mich behandelnden Ärzte verstärkt wurde.

Starke Tochter



Andrea begleitete mich auf vielen Reisen mit dem Motorrad. Ihr Ausspruch am Krankenbett ist mittlerweile berühmt geworden. Andrea sagt, ich hätte der Familie die Kraft gegeben, diesen Schicksalsschlag zu überstehen. Sie hätten mir diese Kraft lediglich zurückgegeben. "Als Vater wieder zu Hause war, dachten einige Menschen, er würde resignieren und in tiefe Depressionen verfallen. Weil er so weiter lebte wie vorher: Mit dem Auto und Motorrad fuhr und auch den Beruf wieder ausübte, glaubten sie, er sei verrückt. Sie konnten nicht begreifen, dass ein Mensch mit zwei Prothesen wieder ein normales Leben führt", sagt Andrea.

Roswitha Kelz wachte jeden Tag zwölf Stunden an meinem Krankenbett. Sie las mir Zeitungsberichte und Briefe vor, denn ich erhielt zahlreiche Genesungswünsche aus aller Welt. Bekannte, die ich auf meinen Reisen kennengelernt hatte, schrieben mir. Die Bundespolizeidirektion Klagenfurt unterstützte mich und meine Familie voll. Dass ich je wieder Dienst als Exekutivbeamter versehen könnte, dachte damals niemand.

Die Detonation der Bombe auf dem Klagenfurter Flughafen verursachte einen Schaden von über einer Million Schilling. Der Vorfall erweckte großes mediales Interesse. Sicherheitsbehörden und Medien beschäftigte die Frage, wer steckt hinter diesem Anschlag, der, wäre er planmäßig verlaufen, noch größeren Schaden an Menschen und Sachen verursacht hätte. Die Medien verschonten auch meine Familie nicht. Deutsche TV-Teams belagerten das Haus meiner Eltern in Agsdor£ "Man konnte nicht auf die Straße gehen, ohne von Kameraleuten oder Fotografen belästigt zu werden", sagt mein Bruder Meinhardt.

Lebensretter Hermann Knaller         

Die Wucht der Explosion riss mir beide Hände weg und verletzte mich am Oberkörper und im Gesicht schwer, besonders im Bereich der Augen. Hermann Knaller band mir geistesgegenwärtig die beiden stark blutenden Armstümpfe mit jener Schnur ab, mit der ich zuvor das Rohr getragen hatte. Für Knaller war mein Anblick ein großer Schock. Er litt psychisch noch lange unter den schrecklichen Bildern.

Knaller kam alles wie in einem Film vor: Ein lauter Knall, Rauch und binnen Bruchteilen von Sekunden war alles vorbei. Es knisterte, und von den Wänden fielen Teile herunter. Er hoffte, nie in so eine Situation zu geraten. Wenn er geahnt hätte, der Gegenstand sei eine Bombe, hätte er sich als Familienvater nicht einer solchen Gefahr ausgesetzt.

Knaller stand etwas weiter weg von der Röntgenanlage und wurde durch die Druckwelle in die Vorhalle geschleudert. Neben leichten Verletzungen erlitt er ein Knalltrauma. Ein Rotkreuzhelfer "belehrte" ihn, das nächste Mal beim Abbinden von Extremitäten eine dickere Schnur zu verwenden, da feine Gefäße verletzt werden könnten. Dass er in dieser Situation überhaupt so überlegt reagiert hatte, schien dem Rotkreuzhelfer nicht so wichtig gewesen zu sein.

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